Keine Zeit für Stuhlkreise? Warum Wertschätzung den Erfolg von Teams entscheidet – und drei Hebel, um sie zu stärken
Motivationsposter, Feedbackrunden, HR-Trainings – kaum ein Begriff wurde in den letzten Jahren so oft bemüht wie „Wertschätzung“. Viele rollen schon die Augen, wenn sie es nur hören.
Doch hinter dem abgedroschenen Wort verbirgt sich ein zentraler Erfolgsfaktor: Menschen arbeiten anders, wenn sie spüren, dass ihre Leistung wahrgenommen wird. Teams werden belastbarer, Probleme werden früher angesprochen, und Verantwortung wird selbstverständlicher übernommen. Gute Mitarbeitende bleiben dort, wo sie sich ernst genommen fühlen.
Wertschätzung entsteht nicht durch Worte, sondern durch Handlungen.
Sie zeigt sich, wenn jemand mit einer ungewöhnlichen Idee kommt und statt eines schnellen „Das geht nicht“ die Antwort erhält: „Erzählen Sie mehr.“
Sie zeigt sich, wenn nach einem Fehler nicht nach Schuldigen gesucht, sondern nach Lösungen gefragt wird.
Sie zeigt sich, wenn jemand spürt: Hier interessiert man sich wirklich für meine Perspektive.
Dann wächst Vertrauen. Und finden sich bessere Lösungen.
Drei Hebel für mehr Wertschätzung im Arbeitsalltag
1. Ehrliches, konkretes Feedback
Ein beiläufiges „Gut gemacht“ verhallt schnell. Wirkung entsteht durch präzise Beobachtungen:
„Mir ist aufgefallen, wie gelassen Sie gestern im Meeting geblieben sind, obwohl die Stimmung angespannt war. Das hat der Diskussion sehr geholfen.“
2. Ungeteilte Aufmerksamkeit
Ein kurzes Gespräch, in dem nicht nebenbei Mails beantwortet oder auf das Handy geschaut wird, hat mehr Gewicht, als viele denken. Wer sich wirklich gehört fühlt, spricht auch schwierige Themen früher an.
3. Praktische Unterstützung
Wertschätzung zeigt sich oft im Konkreten:
„Ich übernehme das Protokoll, damit Sie sich auf die Präsentation konzentrieren können.“
oder:
„Lassen Sie uns gemeinsam klären, wo es gerade stockt.“
Die Kosten mangelnder Wertschätzung
Fehlt diese Haltung dauerhaft, hat das spürbare Folgen für die Unternehmensentwicklung: Menschen ziehen sich zurück. Probleme werden später angesprochen – oder gar nicht mehr. Ideen bleiben unausgesprochen. Manche erfüllen irgendwann nur noch ihre Pflicht. Andere kündigen innerlich oder gehen ganz.
Was wie ein „Soft Skill“ klingt, verursacht am Ende handfeste Kosten: vermeidbare Fehler, Reibungsverluste, schlechte Abstimmung und Teams, die unter ihren Möglichkeiten bleiben.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ein Teamleiter in einem mittelständischen Unternehmen musste diese Erfahrung selbst machen. Er betonte, dass er keine Zeit für Stuhlkreise habe. Anfragen sollten bevorzugt per E-Mail eingereicht werden. Antworten erfolgten oft mit Verzögerung oder blieben aus.
Bis eine neue Kollegin irgendwann keine Rückfragen mehr stellte. Nicht, weil sie sich plötzlich sicherer fühlte, sondern weil sie erkannt hatte, dass es sich nicht lohnte. Erst als ein wichtiges Projekt fast scheiterte, weil eine entscheidende Rückfrage ausblieb, wurde deutlich, welchen Preis die vermeintliche Effizienz tatsächlich hatte.
Der Teamleiter änderte daraufhin eine wirkungsvolle Kleinigkeit: feste zehn Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit – ohne Bildschirm, ohne Ablenkung. Zunächst nur für die neue Mitarbeiterin.
Plötzlich wurden nicht nur Probleme früher erkannt, sondern auch Lösungen entwickelt. Heute gibt es diese kurzen, fokussierten Gesprächszeiten für das gesamte Team. Die Abstimmung verläuft reibungsloser, Missverständnisse nehmen ab, und Projekte werden strukturierter umgesetzt.
Vielleicht gewinnt Wertschätzung gerade deshalb wieder an Bedeutung: weil Unternehmen erkennen, dass Mitarbeitende motivierter sind, besser zusammenarbeiten und Teams erfolgreicher arbeiten.
Die Autorin
Ulli Masztalerz ist Business- & Management-Coach sowie ADHS-Trainerin. Seit mehr als 25 Jahren begleitet sie Menschen und Unternehmen dabei, in turbulenten Zeiten handlungsfähig zu bleiben. Veränderung, Stress, Überforderung und ADHS kennt sie aus drei Blickwinkeln: als Führungskraft, aus eigener Erfahrung und aus hunderten Gesprächen mit Coachees – viele davon auch Unternehmer:innen mit psychischen Belastungen.
Ihr Ansatz: bodenständig, lösungsorientiert, humorvoll und immer auf kleine, sofort umsetzbare Schritte fokussiert, die spürbar mehr Gelassenheit ermöglichen.
Kontakt:
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